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Ein verschärfter Erreger

© Pixabay/qimono

Es hatte heftige Debatten gegeben, damals, im Jahr 2011 und darüber hinaus. Konferenzen fanden statt, Gremien wurden einberufen, Medien berichteten. Schließlich stand die Sicherheit der Welt auf dem Spiel. Um so erstaunlicher ist nun, wie still und leise der Streit um die heiklen Versuche mit gefährlichen Viren nun offenbar umgangen wurde. Wie Science in einem Exklusivbeitrag berichtet, dürfen Ron Fouchier von der Universität Rotterdam und sein Kollege Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin ihre Experimente an hochgefährlichen Vogelgrippeviren bereits seit Januar fortsetzen. Die Entscheidung hat ein Komitee des US-Departments for Health and Human Services getroffen. Die zugrunde liegenden Gutachten bleiben unter Verschluss. Damit dürfte neuer Schwung in eine Debatte kommen, die seit acht Jahren geführt wird und in deren Mittelpunkt die Furcht vor eine weltumspannenden Seuche steht – und zwar sowohl vor einer natürlichen, als auch vor einer menschengemachten.

  Fouchier und Kawaoka hatten 2011 dabei selbst auf ihre riskanten Experimente hingewiesen. Im Zuge der Gain of Function-Versuche (kurz GoF, Zugewinn einer Fähigkeit) werden schwer übertragbare Vogelgrippeviren des gefürchteten Typs H5N1 so verändert, dass sie heftiger krank machen und über Tröpfchen in der Luft ansteckend sind. Fouchier war dies in Frettchen gelungen, und mit dem Erfolg stellten sich heikle Fragen: Was, wenn ein solches Virus aus dem Labor entkommt? Was, wenn die Versuchsergebnisse in falsche Hände geraten? Aber auch: Was, wenn ein Pandemievirus auftaucht, das man hätte erforschen können – und nicht erforscht hat? Während die Debatte entbrannte, verzichteten Fouchier und Kawaoka zeitweilig auf die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse, unterbrachen ihre Versuche, konnten sie vorübergehend wieder aufnehmen und bekamen schließlich die Fördergelder entzogen. Warum sie jetzt weitermachen dürfen, bleibt unklar.

  „Es ging immer um die Risiko-Nutzen-Abschätzung“, sagt der Virologe und Grippe-Experte Stephan Becker von der Universität Marburg. Was diese Abschätzung betrifft, sind sich aber selbst die Fachleute in den vergangenen Jahren nicht einig geworden. Fouchier, Kawaoka und andere berufen sich bis heute darauf, dass Erkenntnisse über gefährliche, pandemie-auslösende Mutationen in Viren die Welt besser auf Seuchen vorbereiten würden. Zum Beispiel, indem aus dem Labor bekannte Mutanten leichter aufgespürt und damit früher erkannt würden. Dem haben andere Experten widersprochen. So schrieben die US-Epidemiologen Michael Osterhaus und Donald Henderson 2012 in Science, dass im Falle einer Pandemie weniger die Kenntnis des Virus, als die zügige Herstellung und Verteilung eines wirksamen Impfstoffs entscheidend seien. Tatsächlich sind Grippeimpfstoffe nach wie vor nur mit großem Aufwand herzustellen.

  Stephan Becker glaubt dennoch, dass die Situation heute eine andere ist als noch vor acht Jahren. „Insgesamt kann man sagen, dass sich innerhalb der Forschung ein starkes Bewusstsein für die Sicherheitsproblematik entwickelt hat.“ Man habe stärker im Blick, welche Risiken sich aus den eigenen Experimenten ergeben könnten. Dazu kommt, dass sich der Schwerpunkt der Debatte von einem möglichen Dual Use, dem Missbrauch der angeschärften Viren für militärische oder terroristische Zwecke, zur Laborsicherheit hin verschoben hat. Hier ist das HHS-Komitee wohl tätig geworden, zumindest Kawaoka soll den Behörden laut Science wohl mitteilen, wenn in seinem Labor eine stark krankmachende, durch Tröpfcheninfektion übertragbare Virusvariante entsteht. Publik sind die Sicherheitsauflagen jedoch nicht.

  Es bleiben weitere Fragen offen – zum Beispiel die nicht unerhebliche, ob ein Virus, das Frettchen krank macht, immer auch für Menschen gefährlich ist. Zwar ermöglichen Tiermodelle meist eine realistische Einschätzung dessen, was im Menschen passiert – etwa, wenn es um Medikamente oder biologische Prozesse geht. Für Viren wie die Erreger von Grippe oder Ebola ist das aber nicht der Fall. Manche Tiere erkranken entweder leicht oder gar nicht an für Menschen gefährlichen Erregern, einige können deshalb als Zwischenwirt für solche Viren dienen. Afrikanische Flughunde etwa stehen in Verdacht, ein Langzeitreservoir für Ebolaviren zu sein. Umgekehrt sterben Tiere an Viren, die beim Menschen kaum Symptome verursachen.

  Könnte es also sein, dass eine von Forschern identifizierte, hochinfektiöse Frettchengrippe für Menschen keine Gefahr darstellen würde? „Das ist nach wie vor ungeklärt“, sagt Stephan Becker. Eine Alternative zu den Frettchenversuchen sieht er dennoch nicht. „Man muss sich den Viren annähern. Und das einzige Modell, das möglicherweise besser sein könnte, sind nichtmenschliche Primaten – aber solche Experimente wünscht sich niemand.“

Copyright/Quelle/Zuerst erschienen bei: Süddeutsche Zeitung GmbH

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