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Am Tag der Katastrophe

© Pixabay/ColiN00B

Es könnte ein historischer Fund sein: Zahlreiche Pflanzen, Fische und weitere Tiere, urplötzlich begraben nach einem Meteoriten-Einschlag vor 66 Millionen Jahren. Robert DePalma, Paläontologie-Kurator am Palm Beach Museum für Naturgeschichte in Florida und Doktorand an der University of Kansas, hat die Fossilien über Jahre in der Hell-Creek-Formation im US-Bundesstaat North Dakota ausgegraben. Gemeinsam mit Kollegen argumentiert er nun im Fachmagazin PNAS, dass sein Fund aus der ersten Stunde nach dem Meteoriteneinschlag bei Chicxulub auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan stammt. Demnach wären die Tiere unmittelbar an den Folgen des Einschlags gestorben – und ihre Überreste somit ein Beweis dafür, dass dieser die globale Katastrophe ausgelöst hat, der auch die Dinosaurier zum Opfer fielen.

  Diese These ist allerdings gewagt. Schließlich streiten Forscher seit Jahrzehnten darüber, wie viel der Chicxulub-Einschlag mit dem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit zu tun hatte. Und nun soll plötzlich in Nordamerika das „Smoking Gun“ der Katastrophe aufgetaucht sein, auch noch datiert auf die Stunde nach einem Einschlag, dessen Zeitpunkt nur auf mehrere Zehntausend Jahre genau bekannt ist?

  Trotzdem macht der Artikel Furore. Es ist faszinierend, was DePalma und seine Kollegen berichten. Viele der Fische, die in der untersuchten Formation dicht an dicht begraben sind, haben die Kiemen voller sogenannter Tektite – Kügelchen aus Stein oder Ton, die unter großer Hitze zu Glas erstarrt sind. Solche Objekte regnen bei großen Meteoriteneinschlägen vom Himmel. Auch in Bernstein eingeschlossene Tektite hat DePalma gefunden. Die Funde sind bedeckt von einer Iridium-reichen Steinschicht. Diese Schichten entstehen nach Einschlägen massiver Meteoriten, die dieses Material auf die Erde transportieren. Demnach, so die Forscher, müssen die Tiere unmittelbar nach dem Einschlag begraben worden sein: nach Entstehung der Tektite, aber bevor sich das Iridium-reiche Material aus der Luft setzte. Vermutlich seien sie in einer durch seismische Wellen ausgelösten Flutwelle aus einem nahen Gewässer gestorben. Ein Tsunami, den die Forscher zuerst in Betracht gezogen hatten, wäre erst Stunden später angekommen.

  Doch die Arbeit trift auch auf heftige Kritik. Die betrifft zunächst einmal Fragen der Diskussionskultur. „Ich finde es sehr ärgerlich, dass keine einzige Arbeit von Gegnern der Meteoriten-Hypothese zitiert wird“, sagt Eberhard Frey, Leiter der Abteilung Geowissenschaftler am Naturkundemuseum Karlsruhe. Statt auf gegensätzliche Argumente einzugehen, würden vor allem Behauptungen aufgestellt. Hinzu kommt, dass DePalma und seine Kollegen sich kurz vor Erscheinen der Studie ausführlich vom New Yorker befragen ließen. In dem Artikel von Douglas Preston berichten sie sogar von Dinosaurier-Überresten in Hell Creek. Das wäre natürlich spannend: Schließlich meinen viele andere Forscher, dass das große Aussterben lange vor dem Einschlag begann. Leider werden diese Funde aber im PNAS-Artikel nicht erwähnt. Damit sind sie nicht durch den Peer Review gegangen und für Kollegen nicht nachprüfbar. Laut DePalma liegt das daran, dass der Artikel nur der erste in einer Reihe sei. Aber es kommt in der Wissenschaft nicht gut an, solche Ergebnisse nur über die Medien heraus zu posaunen.

  Und so rangieren die Reaktionen von Experten zwischen Begeisterung und Zweifel. Steve Brusatte, Paläontologe an der University of Edinburgh, sagte in Interviews, er würde gerne an die aufregenden Ergebnisse glauben, und die Hinweise auf ein katastrophales Ereignis nah am Meteoriteneinschlag, das viele Fische getötet habe, seien stark. Aber noch habe er mehr Fragen als Antworten.

  Somit bleibt auch die Frage offen, was genau das Aussterben der Dinosaurier und mit ihnen rund 75 Prozent aller Arten am Ende der Kreidezeit verursacht hat. Die einen glauben weiter an den Meteoriteneinschlag als entscheidende Katastrophe – zu ihnen gehören DePalma und seine Mitautoren, unter denen auch Walter Alvarez ist, der diese Theorie 1980 mit seinem Vater Luis aufgebracht hat.

  Die anderen vermuten einen etwas graduelleren Übergang, etwa aufgrund einer Serie großer Vulkanausbrüche im Dekkan-Trapp in Indien vor dem Einschlag. Ein Argument für diese These ist, dass zwar viele Arten verschwanden, andere aber unbeschadet überlebten. „Wenn die Chicxulub-Katastrophe so fürchterlich gewesen sein soll, warum hat sie dann keine Auswirkungen auf Krokodile, Schildkröten oder Vögel gehabt?“, fragt auch Geowissenschaftler Frey. „Ein Meteorit allein kann nicht die Antwort sein.“ Vielleicht, so sehen es Frey und andere, haben sich Klima und Pflanzenwelt damals schlicht sehr stark verändert. Einige Arten kamen damit zurecht. Die anderen starben aus, Pech gehabt.

  Diesen Grundsatzstreit wird zumindest die erste Arbeit des Teams um DePalma nicht beenden können. Aber es sollen ja noch weitere folgen. Der Druck auf die Forscher, jetzt weitere Belege zu liefern, dürfte jedenfalls erheblich sein.

Copyright/Quelle/Zuerst erschienen bei: Süddeutsche Zeitung GmbH

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