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Unter Strom

© Pixabay/rawpixel

Es ist 8.56 Uhr, als der Anästhesiepfleger der 71 Jahre alten Frau Propofol und Succinylcholin in ihre Venen spritzt, ein Narkosemittel und ein Muskelrelaxans. Zwei Minuten später wird ihr Körper erschlaffen. Ärzte und Pfleger warten, es ist eng im kleinen, fensterlosen Zimmer im Erdgeschoss der Mainzer Psychiatrie. Ein paar Apparate stehen herum. „60“, sagt der Anästhesiepfleger nach einer Minute, und zählt runter: „40“, „15“. Es ist kurz vor 9 Uhr, als er „wir dürfen“ sagt, der Assistenzarzt eine Hand-Elektrode an den Hinterkopf der Frau hält und auf „Treat“ drückt. 602,8 Millicoulomb schießen ihr ins Gehirn, Milliarden Neurone richten den Takt ihrer Aktionspotenziale auf den Wechselstrom aus, feuern gleichzeitig. Die 71-Jährige bekommt einen Krampfanfall.

  Eine halbe Stunde vorher saß die ältere Dame in ihrem mit Blümchen bestickten Nachthemd auf der Kante ihres Bettes auf Station 4, ihre Füße baumeln in der Luft. Ein Vorhang fängt die Blicke umherlaufender Patienten, wenigstens ein bisschen Privatsphäre hier in der Mainzer Psychiatrie. Ihr Name? „Schreiben Sie Meier. Meier, Käthe“, sagt sie. „Das muss ja nicht jeder mitbekommen.“

  Mit „das“ meint Käthe Meier ihre Erkrankung – „das“ nennen die Ärzte eine „rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtiger schwerer Episode“. Die Krankheit kommt, da ist Käthe Meier Ende 20 und zieht als Hausfrau gerade ihren Sohn groß. „Ich hatte keinen Appetit, ich wollte nichts machen, ich konnte nicht mal ein Buch lesen“, erinnert sie sich. „Ich habe das Buch aufgeschlagen, die Wörter gelesen, aber es ging nichts in den Kopf rein.“ Jahre vergehen, Meier arbeitet immer mal wieder, jobbt als Arzthelferin bei einem Orthopäden, bei einem Urologen, später in einer Klinik. Doch immer kehrt die Depression zurück, bleibt für Wochen oder Monate. Ihr hilft keine Therapie, und Meier verlässt die Psychiatrie stets mit der Gewissheit, in ein paar Monaten oder Jahren wieder vor der Pforte zu stehen.

  Doch es kommt anders. Von einer Bekannten erfährt sie von der Elektrokonvulsionstherapie, kurz EKT. Sie entschließt sich für die Behandlung; im Februar 2018 wird Meiers Gehirn in der Mainzer Psychiatrie das erste Mal unter Strom gesetzt. „Beim ersten Mal war ich nicht so gelassen“, sagt Meier. „Da fragt man sich schon: Und was, wenn ich danach mit einem schiefen Gesicht aufwache?“

  Tatsächlich ist die Vorstellung einer Stromtherapie am Gehirn für die allermeisten Patienten eine grausame Vorstellung, gespeist durch allerlei Gruselgeschichten aus den Anfängen der Psychiatrie. Im April 1938 erproben die beiden italienischen Psychiater Ugo Cerletti und Lucio Bini in Rom die weltweit erste Behandlung – ein voller Erfolg. Schnell erlangt die EKT weltweite Anerkennung. Ärzte belegen in zahlreichen Studien deren Wirksamkeit und setzen das Verfahren immer häufiger bei Schizophrenen, Depressiven oder Manikern ein. Für die Patienten ist die Behandlung in den Anfangsjahren allerdings äußerst unangenehm, denn zunächst wird sie ohne muskelentspannende Mittel durchgeführt. Die Körper der Behandelten verkrampfen so stark, dass nicht selten Wirbel brechen. Bis Muskelrelaxanzien und Narkosemittel zum Standard werden, vergehen ein bis zwei Jahrzehnte.

  Doch das schlechte Image kommt auch von zahlreichen Missbrauchsfällen in der Nachkriegszeit. Besonders in den USA setzen Ärzte die EKT ein, um unliebsame Patienten ruhigzustellen oder damals als krank angesehene Homosexuelle heilen zu wollen – aus heutiger Sicht unvorstellbar. Auch deshalb flammt gegen Ende der 1960er-Jahre eine Anti-Psychiatrie-Bewegung auf, die teilweise sogar die Existenz psychischer Störungen infrage stellt. Die breite Öffentlichkeit erreicht die Kritik an der EKT, als diese zunehmend in Büchern, Filmen und in der Musik aufgegriffen wird. Zahlreiche Autoren schildern die EKT als eine Art Folter, ähnlich schlecht kommt sie in Liedern wie U2s „The Electric Co“ davon. Ernest Hemingway, dessen Depression auch per EKT behandelt wurde, schrieb: „Operation gelungen, Patient tot“. Wenig später nimmt er sich das Leben.

  Den wohl größten Einfluss hat aber der 1975 erschienene und oscarprämierte Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, in dem Jack Nicholson als widerspenstiger Psychiatrie-Patient zur Strafe mit der EKT malträtiert wird. In dem Film sieht man, wie Nicholson an ein Bett gefesselt wird und dort umherzappelt.

  Das nunmehr katastrophale Image der EKT und der daraus entstehende gesellschaftliche und politische Druck führen dazu, dass zahlreiche deutsche Kliniken die Behandlung nicht mehr anbieten. Es soll Jahrzehnte dauern, bis die EKT zurück in die Krankenhäuser des Landes kommt – an einigen Unikliniken ist sie tatsächlich erst seit zwei, drei Jahren wieder im Programm. Zum schlechten Bild in der Gesellschaft trage auch heute noch bei, dass schwere und chronische psychische Erkrankungen im Alltag der Normalbevölkerung kaum vorkämen, sagt Michael Grözinger, Leiter des Referats für Stimulationsverfahren bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie DGPPN. Für die Erkrankungen, die dem Durchschnittsbürger gut bekannt seien, erscheine eine EKT als eine inadäquate Behandlung. „Zudem ist den meisten Menschen die Vorstellung fremd, dass psychische Erkrankungen somatische Ursachen haben könnten“, so Grözinger.

  So bestimmen auch weiterhin Vorurteile und Unwissenheit das Bild der EKT – selbst unter Medizinern. In der Mainzer Psychiatrie leitet die Oberärztin Sarah Kayser die EKT. Sie erinnert sich, wie bei einer ihrer ersten Therapien plötzlich jemand gerufen habe: „Alle weg vom Tisch!“ „Ich stand da und dachte mir: ‚was passiert denn hier gerade?‘“ Dazu muss man wissen: Gefahr durch starken Strom gibt es bei der EKT nicht.

  Immerhin scheinen sich manche Vorurteile langsam zu lösen. So zeigen die aktuellsten, derzeit noch unveröffentlichten Daten: Im Jahr 2016 erhielten etwa 5700 Patienten in Deutschland eine EKT. Das sind über sieben Mal so viele wie gegen Ende der 80er – damals waren es etwa 800. Und doch werde immer noch nur etwa ein Prozent der therapieresistenten Patienten behandelt, beklagt Kayser. Dabei zeige die Therapie eine der höchsten Effektstärken, die es in der Psychiatrie gibt. Zwischen 50 und 90 Prozent jener Patienten, denen wie Käthe Meier weder Psychotherapie noch Antidepressiva helfen, sprechen auf die EKT an. Auch deshalb sollte die EKT eine Standard-Behandlung sein, wie in der landesweiten S3-Behandlungs-Leitlinie zu lesen ist. Darin bewerten die Autoren das Verfahren mit dem höchsten Empfehlungsgrad A. Auch die Bundesärztekammer mahnte bereits 2003: „Ein Verzicht auf die EKT würde eine ethisch nicht vertretbare Einschränkung des Rechtes von häufig suizidal gefährdeten, schwerstkranken Patienten auf bestmögliche Behandlung bedeuten.“

  Doch selbst die „bestmögliche Behandlung“ kann Nebenwirkungen auslösen, ein Kritikpunkt vieler Skeptiker. So können während der Behandlung Blutdruck und Puls ansteigen, weshalb das Verfahren für kreislaufinstabile Patienten wenig geeignet ist. Manche Patienten klagen zudem über Kopfschmerzen und Muskelkater, besonders nach den ersten Sitzungen. „Ganz normal ist auch, dass es unmittelbar nach der Behandlung zu Gedächtnisstörungen kommt“, sagt Kayser, „aber die dauern nicht lange an.“ Grundsätzliche gelte: Wer eine Narkose verträgt, verträgt auch die EKT. Selbst bei Kindern, Schwangeren oder Menschen mit Herzschrittmacher könne man sie einsetzen. Oder eben bei Älteren, so wie Käthe Meier.

  Etwa zehn Minuten, bevor der Strom schließlich fließt, ziehen zwei Pfleger den Vorhang vor Frau Meiers Bett zur Seite. Ob sie nervös sei? „Das bringt mir ja doch nichts“, antwortet sie. Im Bett liegend schieben die beiden Pfleger sie aus Station 4 heraus, die Ärzte warten bereits auf sie. Binnen weniger Minuten schließen sie Kabel um Kabel an Meiers Körper an, kleben ihr die Elektrode auf ihre rechte Schläfe und stülpen ihr eine Beatmungsmaske über. Von irgendwoher piepst es im Takt ihres Pulses. „Dann gute Nacht und bis später“, sagt der Anästhesiepfleger und zählt den Countdown.

  Als der Strom fließt, zuckt Meiers Mund zusammen, als würde sie mit aller Kraft die Zähne zusammenbeißen. Ihr linker Unterarm schnellt zur Brust, die Finger zu einer Klaue gekrampft. Mit einer aufgepumpten Blutdruckmanschette haben die Ärzte den Blutfluss gestaut und verhindern damit, dass das Muskelrelaxans in Meiers Arm fließt und ihn lähmt. So sehen sie, dass der Strom auch tatsächlich einen Anfall auslöst. Genau 7,6 Sekunden lang verharrt Meier in voller Anspannung, bis der Stromfluss stoppt und der eigentliche Krampfanfall beginnt. Ihr Kopf sackt auf die Schultern, der linke Unterarm beginnt zu zittern. Nach weiteren 45 Sekunden ist der Anfall vorbei. Der Puls fällt auf 50 Schläge in der Minute und die Uhr über der Tür ist noch nicht auf 9 Uhr gesprungen, da lösen Ärzte und Pfleger schon die ersten Kabel von Meiers Körper.

  Was nun genau in ihrem Gehirn passiert ist, darüber weiß man heute fast genauso wenig wie vor 80 Jahren. Ein paar Hypothesen gibt es, etwa die, dass durch den Krampfanfall Zellen vermehrt antidepressiv wirkende Hormone wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin ausschütten. Oder, das ist die aktuellere Theorie, dass der Anfall sogenannte neurotrophe Mechanismen im Gehirn anstößt, bei denen vermehrt Nervenwachstumsfaktoren gebildet werden und neue Zellen oder Synapsen entstehen.

  Ein Großteil der Forschung konzentriert sich derzeit allerdings eher auf die Frage, wie genau die Behandlung den größten Erfolg bringt – und welche Patienten überhaupt profitieren. Wissenschaftler der Universität Münster beispielsweise testen derzeit ein Verfahren, das anhand der Beschaffenheit des Gehirns von Patienten vorhersagen soll, ob die EKT helfen kann oder nicht. In einer Studie, veröffentlicht im Fachmagazin Jama Psychiatry, konnten sie bei 23 depressiven Patienten mit einem zuvor trainierten Algorithmus tatsächlich gute Vorhersagen treffen.

  Ein weiterer wichtiger Teil der EKT-Forschung ist die Frage, wie viele Wiederholungen der Behandlung überhaupt nötig sind. Bei Käthe Meier kehrten nach der fünften Sitzung Appetit, Konzentration und Antrieb zurück. „Das zu fühlen“, sagt sie, „war das schönste Geschenk in meinem ganzen Leben. Ich war wieder froh.“

  Studien zeigen, dass Patienten nach acht bis zwölf Sitzungen nicht einfach mit der Therapie aufhören, sondern das Verfahren langsam ausschleichen sollten – man sagt „Erhaltungs-EKT“ dazu. So ist das auch bei Käthe Meier, die alle drei Wochen nach Mainz kommt.  

  Etwa fünf Minuten nach ihrem Anfall schlägt Käthe Meier die Augen auf. „Hallo Frau Meier, wie geht es Ihnen?“, fragt der Anästhesist. Sie murmelt unverständliche Wörter, ihre Augen blicken umher, schauen mal hier, mal da, suchen, aber finden nichts. „Haben Sie schön geträumt?“ Keine Antwort. Zwei Pfleger schieben sie zurück auf Station 4.

  Nach etwa einer Stunde setzt Käthe Meiers Gedächtnis wieder ein. Sie sitzt wieder auf der Bettkante und wackelt mit den Füßen, die weißen Haare zerzaust, auf Fragen antwortet sie eine halbe Sekunde verzögert. Wie es ihr gehe? „Danke, ganz gut.“ Wie sie die EKT erlebt habe? „Ich kriege da gar nichts mit.“ Ob sie Schmerzen gespürt habe? Sie überlegt kurz, dann erinnert sie sich: „Beim Blutabnehmen, da haben die zwei Mal probiert und erst dann die Vene getroffen.“

Copyright/Quelle/Zuerst erschienen bei: Süddeutsche Zeitung GmbH

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